Zum Reprint der Bekmannschen Chronik von 1753

Johann Christoph Bekmann wurde am 2. September 1641 in Zerbst als Sohn des dortigen Superintendenten Christian Beckmann geboren und wirkte bis zu seinem Tode am 6. März 1717 als weithin angesehener Gelehrter an der Universität Frankfurt (Oder). An der dortigen Viadrina hatte er auch studiert und sich 1661 den Magistergrad erworben. Es schloß sich eine ausgedehnte Bildungsreise an, die ihn 1662 bis 1664 nach Groningen, Franeker, Amsterdam und Leiden führte. Von 1664 bis 1666 studierte er in Oxford. 1667 übernahm er in Frankfurt (Oder) zunächst die unbesoldete Professur für Geschichte und wurde fast gleichzeitig zum Professor der griechischen Sprache berufen. 1672 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert, übte seit 1673 das Amt des Bibliothekars aus, legte 1678 den akademischen Kräutergarten an, lehrte ab 1681 auch Politik (Staatsrecht) und übernahm 1690 schließlich die Professur für (reformierte) Theologie. Im Laufe seiner ungewöhnlich langen Wirksamkeit wurde er achtmal zum Rektor der Universität gewählt. Kurz vor seinem Tode konnte er sein 50jähriges Professorenjubiläum feiern. Er publizierte in allen von ihm vertretenen Fachgebieten eine erhebliche Anzahl von Schriften und war mit seiner vielseitigen Tätigkeit ein typischer Vertreter der zuende gehenden Epoche der Polyhistorie. Besondere Verdienste erwarb er sich schon 1676 durch einen nach englischem Vorbild (1706 in zweiter Auflage gedruckten) alphabetischen Katalog der Universitätsbibliothek, die dadurch zu den modernsten in ganz Deutschland gehörte.

Die längste Nachwirkung haben jedoch ohne Zweifel seine historischen Schriften gehabt. 1676 gab er die „Kurtze Beschreibung der alten löblichen Stat Franckfurt an der Oder“ des Wolfgang Jobst neu heraus, die in ihrer dritten Auflage (1706) auch eine Abhandlung über das einstige Bistum Lebus enthielt. 1693 wurden die „Anmerckungen von dem ritterlichen Johanniter Orden“ gedruckt, die ebenfalls drei Auflagen erlebten. Zum zweihundertjährigen Jubiläum der Universität im Jahre 1706 erschien seine „Notitia universitatis Francofurtanae una cum iconibus personarum aliquot illustrium“. 1710 folgte schließlich die groß angelegte „Historie des Fürstenthums Anhalt“ (mit Ergänzungen 1716), die seinen Ruf als Historiker begründete. Schon 1707 erteilte ihm der preußische König Friedrich I. den Auftrag, eine Geschichte der Mark Brandenburg zu verfassen. Die genauen Umstände der Entstehung dieser Chronik sind bisher noch nicht hinreichend untersucht worden. Offenbar war man sich jedoch darüber im Klaren, daß die Bewältigung eines solchen Vorhabens auch einen erheblichen finanziellen Aufwand verursachen würde. Vermutlich auf Druck des Königs bewilligten die kurmärkischen Stände nämlich schon 1707/08 die gewaltige Summe von 1.000 Reichstalern, die dem Professor Beckmann in Frankfurt (Oder) für die Anfertigung einer märkischen Chronik gezahlt werden sollten.  Zu diesem Zweck wurden Fragebögen an Pfarrämter und Magistrate verschickt, Literatur ausgewertet und Archive durchforscht.  Die Drucklegung der riesigen Materialsammlung erlebte Bekmann jedoch nicht mehr. Die Manuskripte mußten sofort nach seinem Tode an das Königliche Archiv in Berlin abgeliefert werden.

Erst sein Großneffe Bernhard Ludwig Bekmann (1694 - 1760), Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium, setzte 1740 auf Wunsch Friedrichs des Großen die Arbeiten fort. Ein gedrucktes Edikt vom 19. November 1740 forderte abermals die Magistrate und Geistlichen auf, zweckdienliche Nachrichten zu liefern. Eine erneute Fragebogenaktion im Jahre 1741 versetzte den jüngeren Bekmann in die Lage, das begonnene Werk für die Jahre nach 1713 zu aktualisieren.
1751 und 1753 erschienen daraufhin zwei Bände der „Historischen Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg“. Der erste Band ist in vier Teile gegliedert, von denen Teil I eine Bevölkerungsgeschichte der Mark Brandenburg (einschließlich der Juden sowie ein Kapitel über die märkischen Geschichtsschreiber) enthält, Teil II „Von den Alterthümern der Mark“ handelt von der Ur- und Frühgeschichte, Teil III umfaßt die „Naturgeschichte der Mark Brandenburg“, und Teil IV „Von den Flüssen und Seen der Mark Brandenburg“ widmet sich den naturräumlichen Gegebenheiten. Während also der erste Band eine allgemeine Landeskunde enthält, folgte im zweiten Band eine detaillierte Beschreibung der links und rechts der Elbe gelegenen Altmark und Prignitz. Der Nachdruck beschränkt sich daher auf den zweiten Band, dessen ortsgeschichtliches Material für die heutige Forschung von größerer Bedeutung sein dürfte. Aus nicht genau bekannten Gründen, wahrscheinlich auf Bitten des Stiftes selbst, fehlt in dieser Darstellung lediglich die Beschreibung des Klosters Heiligengrabe.  Auffallend ist ferner der Umstand, daß das Werk offensichtlich auf verschiedenen Papierqualitäten gedruckt worden ist. Diese Beobachtung legte sich bei dem Vergleich einiger Originalausgaben nahe, ohne daß die näheren Umstände und auch Preise der damaligen Drucklegung bekannt wären. Dem Nachdruck wird deshalb das Exemplar der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel zugrundegelegt, das auf sehr gutem Papier gedruckt wurde.

Daß das Werk eine längere Entstehungsgeschichte durchlaufen hat, ist auch an der sehr unregelmäßigen und für die Mitte des 18. Jahrhunderts sicher veralteten Orthographie erkennbar. Die hohen Druckkosten und die enorm aufwendige Redaktionsarbeit sind vermutlich die beiden entscheidenden Gründe gewesen, weshalb nur zwei Bände des sehr viel umfangreicher angelegten Werkes erscheinen konnten. Bernhard Ludwig Bekmann starb jedenfalls erst am 3. Dezember 1760 in Berlin. Der reichhaltige Nachlaß beider Bekmanns gelangte diesmal in Privatbesitz, wurde im 19. Jahrhundert von Adolph Friedrich Riedel erworben und teilweise verschenkt. Seit 1873 verwahrt im wesentlichen das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem das wertvolle Material (I. HA, Rep. 92 Nachlaß Bekmann).  Teile aus diesem Nachlaß sind immer wieder von der Forschung herangezogen worden. So veröffentlichte der Küstriner Gymnasialdirektor Carl Fredrich im Jahre 1914 an entlegener Stelle die fast druckfertigen Ausführungen Bekmanns über die Stadt Küstrin. Durch eine genaue Inhaltsangabe ist auch derjenige Teil des Nachlasses erschlossen worden, der die brandenburgische Kirchengeschichte zum Gegenstand hat.

Bekmanns Chronik ist heute nicht nur ein ehrwürdiges Monument der landesgeschichtlichen Forschung, sondern ist längst selbst zu einer wichtigen historischen Quelle geworden. Dies gilt weniger für die oft im vollen Wortlaut abgedruckten Urkunden, da diese auch Eingang in später gedruckte Urkundenbücher gefunden haben. Zwei Beispiele aus der neueren Forschungsgeschichte mögen aber diese Behauptung verdeutlichen. Die Chronik enthält zunächst ein gewaltiges personengeschichtliches Material. Systematisch ausgewertet wurden bisher die sonst nur schwer aufzufindenden Daten für die in der Altmark tätig gewesenen Geistlichen.  Darüber hinaus sind jedoch bei Bekmann vor allem Angehörige der zahlreichen Ratsfamilien benannt, die die Geschichte der Städte nachhaltig beeinflußt haben. Ferner überliefert Bekmann eine Zustandsbeschreibung der Städte und der in ihr befindlichen Kunstdenkmäler, die es sonst in dieser Ausführlichkeit für das frühe 18. Jahrhundert nicht gibt. So erweist sich zum Beispiel die bei Bekmann gedruckte Beschreibung der mittelalterlichen Glasmalerei in der Wilsnacker Wunderblutkirche als heute älteste Quelle, die für die Datierung dieser überaus wertvollen Kunstwerke wichtige Anhaltspunkte bietet.  Wegen ihrer Materialfülle, der getrennten Paginierung und der wahrhaft barocken Untergliederungen ist die „Historische Beschreibung“ freilich nicht ganz einfach zu benutzen.

Der Georg Olms Verlag hat sich nun bereitgefunden, diese Chronik durch einen Nachdruck wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, da das Werk im Antiquariatshandel nicht erhältlich ist. Bekmanns Chronik gehört heute zu den besonders schutzwürdigen Beständen weniger großer Bibliotheken. Die zahllosen Details zur Stadtgeschichte der Altmark und Prignitz machen das Werk auch für den Historiker zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk. Als erste flächendeckende landesgeschichtliche Bestandsaufnahme ist die Arbeit der beiden Bekmanns von bleibendem Wert. Der Band umfaßt insgesamt 714 Seiten in getrennter Zählung sowie fünf Kuperstiche und eine Karte und wird bis 30. September 2004 zum Subskriptionspreis von 98,- EUR angeboten (Ladenpreis: 128,- EUR). Private Interessenten als auch Forschungseinrichtungen haben durch das Reprint die einmalige Chance, dieses Standardwerk brandenburgischer Geschichtsschreibung zu einem sehr moderaten Preis selbst zu erwerben. Vorbestellungen werden an folgende Adresse erbeten:

Georg Olms Verlag AG, Hagentorwall 7, 31134 Hildesheim,
Tel. 0 51 21 / 15 01 - 0, Fax 0 51 21 / 15 01 - 50,
e-mail: info@olms.de, Internet: www.olms.de

Uwe Czubatynski