Aus der Geschichte des Prignitzdorfes Roddan

Gedruckt in: Prignitzer Heimat H. 20 (1996), S. 36 - 37.

Nur wenigen ist die Vergangenheit unserer Dörfer hinreichend bekannt. So hat sich bisher niemand die Mühe gemacht, die Geschichte des südöstlich von Bad Wilsnack gelegenen Ortes Roddan in einem Aufsatz darzustellen. Das Dorf hat seinen Namen von einem großen Waldgebiet erhalten, das 1240 erstmals unter dem Namen "Rodana" erwähnt wird und sich noch heute nördlich von Havelberg erstreckt. In diesem Gebiet, vermutlich in der Nähe von Roddan, stand einst eine slawische Burg namens "Prizlava". Im Jahre 1056 wurde hier ein deutsches Heer unter Markgraf Wilhelm von den Liutizen vernichtend geschlagen. 1274 wird das Dorf "Rodene" erstmals in einer Urkunde erwähnt. Im späten Mittelalter (1478) gehörte Roddan noch zur Herrschaft Stavenow und damit zum Besitz der Familie von Quitzow. Über diese älteste Periode der Ortsgeschichte liegen nur sehr wenige Nachrichten vor. Obwohl Roddan zu den kleineren Dörfern gehörte, hatte es jedoch schon immer eine Kirche besessen, die von dem Quitzöbeler Pfarrer versorgt wurde. Der größte Einschnitt in die Entwicklung des Dorfes war zweifellos der 30jährige Krieg. Wie so viele Dörfer der Prignitz war auch Roddan fast völlig entvölkert worden. Im Jahre 1652 fand der kurfürstliche Landreiter ganze sieben männliche Personen vor. Von diesen drei Familien war nur noch eine aus Roddan gebürtig. Die alte Kirche muß, ähnlich wie in Grube oder Kreuzburg, durch den Krieg vollständig zerstört gewesen sein. In der heutigen Fachwerkkirche trägt ein Balken auf der Südseite die Inschrift "Anno 1680". Das Prignitz-Kataster von 1686/87 bestätigt im wesentlichen diese Angabe. Dort heißt es: "Die Kirche, so im Kriege verstöret und itzo von den Bawren wiederaufgebawet, hat zu 8 Sch[effel] Aussaat Landt, wovon zu 4 Sch[effel] Aussaat versetzet und darauf 30 Thlr. zu Erbauung der Kirchen geliehen worden." Zu dieser Zeit amtierte in Quitzöbel der Pfarrer Dietrich Schütze. Fast ein halbes Jahrhundert lang (1646 - 1694) hat er die Gemeinden Quitzöbel, Lennewitz und Roddan in der schweren Nachkriegszeit betreut. Der Grabstein dieses tüchtigen Mannes, der bei seinem Tode 10 Kinder, 30 Enkel und 8 Urenkel hinterließ, befindet sich noch heute in der Quitzöbeler Kirche. Wie mühsam der Wiederaufbau war, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckte, läßt sich am besten an der Ausstattung der Kirche verfolgen: Zwei Altarleuchter aus Zinn wurden 1681 gestiftet, Kelch und Patene folgten 1684. Eine Wetterfahne mit der Jahreszahl 1705 bezeichnete einst wohl den Abschluß weiterer Bauarbeiten. 1712 (die Jahreszahl wurde erst kürzlich bei Restaurierungsarbeiten entdeckt) erhielt die Kirche endlich einen barocken Altar und eine Kanzel. Stifter dieser prächtigen Schnitzwerke aus Eichenholz war wahrscheinlich die Familie von Bülow, die zu dieser Zeit das Gut Quitzöbel besaß. 1739 ließ man sich eine Glocke in Berlin gießen, und 1747 vervollständigte eine Altarbibel die Ausstattung.
Im Jahre 1808 vernichtete eine Feuersbrunst den westlichen Teil des Dorfes. Um die Brandgefahr in Zukunft zu verringern, ordnete die Regierung an, einige Häuser an anderer Stelle wiederaufzubauen. Die Bauern weigerten sich jedoch hartnäckig, so daß sich ein heftiger Streit entspann. Während Roddan vor dem Brand ein klassisches Runddorf gewesen war, so zeigt der Häuserring heute einige Lücken.  Die Einwohnerzahl erreichte 1895 mit 267 Bewohnern einen vorläufigen Höhepunkt, sank aber bis 1939 auf 192 ab. Durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges stieg die Einwohnerzahl noch einmal sprunghaft auf 289 im Jahre 1946 an. Am 23. Oktober 1938 konnte die Kirche nach einer gründlichen Renovierung und neuen Innenausmalung eingeweiht werden. In den folgenden Jahrzehnten verschlechterte sich ihr Zustand zusehends. Am 25. März 1977 wurde der Abriß der Kirche beschlossen. Nur knapp entging das Gebäude der endgültigen Ausführung dieses Beschlusses. Der Innenraum allerdings bot ein Bild der Verwüstung. Verloren ist bis auf ihren geschnitzten Fuß die barocke Kanzel, und auch die 1912 erbaute Turmspitze mußte durch eine einfachere ersetzt werden. 1994 konnte mit finanzieller Unterstützung des Landes Brandenburg mit dem Wiederaufbau der Kirche begonnen werden. Der größte Teil des Inventars ist glücklicherweise erhalten geblieben, so etwa der stehende Taufengel, eine kleine, 1893 gegossene Bronzeglocke, die Altarleuchter und sämtliche Abendmahlsgeräte als auch die Altarbibel. Der barocke Altaraufsatz von 1712, der heute ein 1888 erworbenes Bild umschließt, konnte als wichtigstes Inventarstück im Jahr 2002 restauriert werden.
Wie in vielen anderen Dörfern auch, lassen sich die wichtigsten Ereignisse der Ortsgeschichte an der Kirche ablesen. Mögen sich auch in Roddan viele fleißige Hände finden, dieses Zentrum des Dorfes auch für kommende Generationen zu erhalten !

Uwe Czubatynski